Zu Opernverrissen. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 14. April 2019. Darinnen abermals – diesmal als „erscheinende Sinngebung“ – die Form.

[Arbeitswohnung, 9.44 Uhr
Händel, Poros]
Jetzt bin ich wirklich „aus dem Gerück“: Erst um ein Viertel vor zwei ins Bett, aber keinen Wecker gestellt und also erst um neun aufgewacht. Der Körper nimmt sich momentan wirklich die sieben Stunden Ruhezeit, die er offennbar braucht. Hinzu kam, daß ich bereits gestern – anstatt erst kommenden Mittwoch in Wien – die Alkoholabstinenz gebrochen habe, nämlich zusammen mit Ricarda Junge, die mich in die Oper begleitete – ich sage Ihnen öffentlich, liebeste Freundin, aber nicht, in welche. Denn ich war mit der Aufführung alles andere als zufrieden, auch mit dem Regiekonzept, und halte aber schon das Stück-selbst für Schmock. Da ich über die Aufführung schreiben soll, bin ich nun in der Klemme, weil ich höchst ungern Verrisse verfasse und es gemeinhin nur dann tue, wenn ich eine politische und/oder kunstpolitische Notwendigkeit sehe, was zuletzt >>>> beim „King Arthur“ der Fall war, dort sogar ganz entschieden. Ansonsten sind Opernverrisse meist schwer ungerecht den Sängerinnen und Sängern gegenüber, manchmal auch gegenüber den Orchestern, also gegenüber allen beteiligten Musikerinnen und Musikern.
Vielleicht werde ich in diesem Sinne nachher einen Brief sowohl an die Presseabteilung des Hauses als auch an Faustkultur schreiben, von woher ich den Auftrag bekam. Wobei ich mit nachträglich von mir selbst abgelehnten Aufträgen, um die ich eigentlich ersucht hatte, keine sehr guten Erfahrungen gemacht habe; bisweilen v e r l o r ich wegen solcher meiner „Eigenwilligkeiten“ für alle späteren Angebote das mir eigentlich gewogene Medium. Doch will und wollte ich in jedem Fall meiner inneren Moral und Haltung folgen – zumal in einer Zeit, in der immer weniger Raum für die „ernsten“ Künste ist, einer, der besser für das bereitgestellt wird, was sich „lohnt“. Aber zuvor will ich das Programmheft durchlesen, in dem es auch ein erklärendes Interview mit dem Regisseur gibt. Vielleicht erhalte ich dadurch einen anderen Blick auf die Inszenierung, so daß es mir doch noch möglich wird, über sie zu schreiben. Doch bis jetzt geht der erste Satz, der sich schon, als ich nachts heimradelte, in meinem Kopf formierte und mit dem ich vorhin auch aufwachte, folgender:

Es gibt Opern, die am besten restlos in der Versenkung verschwänden, auch und gerade wenn ihr Komponist zahllose Meisterstücke vom Range *** und *** hinterlassen hat; dann kommt es auf sie auch gar nicht an. (Etwas übrigens, daß für Dichtungen ganz genauso gilt.)

Hübsch freilich war, daß ich zum ersten Mal mit selbstgebundener Fliege ausging: Ich „wolltmußte“ die Technik lernen, da ich in nächster Zeit im Rahmen meiner „nebenkünstkerischen“ Hochzeitstätigkeiten einige Trauungen vor mir habe, die für den festlichen Abend „Black Tie“ vorschreiben. So etwas kommt meinem auch poetischen Formwillen sehr entgegen, aber dann verbietet es sich von selbst, eine Fliege mit hinterem Klettverschluß umzubinden. Daß ich indes nicht zu denen gehören will, die kurz vor Torschluß um Hilfe rufen, weil sie die Bindung nicht alleine hinbekommen, versteht sich. Wie eine Krawatte muß man(n) seine Fliegen selbst ohne Spiegel binden können, sozusagen mit geschlossenen Augen.
Daß mir Kleidungsrituale insgesamt gefallen, muß ich ebenfalls nicht betonen: Dem formalen Akt entspricht ein ebenso genau bestimmtes Erscheinen, wie ein Sonett den Rahmen gibt, in dem allein sich dann auch Freiheit suchen läßt: kleine, doch um so soggestiver spürbare Abweichungen, die dennoch, darin besteht die Meisterschaft, die Form immer noch miterfüllen. Das Interessante ist ja eben, daß wir in der strengsten Form das höchste Maß an poetischer Freiheit erreichen können, eine, die im Beliebigen komplett unterginge, weder merklich noch tatsächlich überhaupt da wäre. Zugleich verleiht das Rituelle dem scheinbar Zufälligen einen erscheinenden Sinn: als Ästhetik.

Wie auch immer, meine heutige Trainingseinheit werde ich „knicken“ müssen. Denn mittags habe ich ein erstes Treffen mir einer Frau, mit der ich andeutend gesprächsweise schon einige … na jà, „Überlegungen“ waren es nicht, aber, sagen wir, Haltungen ausgetauscht habe. Eigentlich hatten wir uns, ich erzählte es Ihnen schon, >>>> dort verabredet. Daß sie, und warum, quasi während der Veranstaltung absagte, per Whatsapp, indizierte einmal mehr ihre Eigenwilligkeit – etwas, das mich ja immer ausgesprochen reizt. Auch sie schätzt – bemerkt, um auch hier eine Formklammer zu finden -die Oper. Ich habe ihr angeboten, mich, „sofern wir uns mögen“, am 28. zur Uraufführung von Glanerts „Oceane“ zu begleiten, für die ich bereits die Presse- und eben auch eine Begleitkarte habe und wo ich erstmals wahrscheinlich auch Marius Felix Lange persönlich treffen werde.

Jetzt aber an die Lektüre des Programmhefts.
Ihr Unholdchen

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