Resignation als poetisches Glück. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 25. Juni 2019.

Tatsächlich geschafft —nämlich um fünf Uhr aufzustehen, obwohl ich nach einem wundervollen Sommerabend mit Konstantine im Pratergarten erst um ein Viertel nach Mitternacht im Bett lag – also früh aus den Federn zu kommen, eben einen kalten Latte macchiato zu trinken, mit Eiswürfeln, dann in die Laufklamotten und aufs Fahrrad. Um kurz vor sechs auf der Piste, frischer, duftender Morgen und ich durchaus nicht allein. Heut erst mal nur, Näheres >>>> siehe dort, 11,4 km und noch knapp zweie gegangen, was letzteres auch eine Übung im nicht nur konkreten Aufrechten Gang ist: Schultern zurück, Brust raus, leicht die Bauchmuskulatur angespannt, Kopf grade. Gibt ein komplett anderes Lebensgefühl.

Zur Rückfahrt einen kleinen Umweg zu Freund Broßmanns Wohnung, der, mit seinem Töchterlein ans Mittelmeer gereist, mich gestern per SMS bat, mir aus seinem Kühlschrank die verderblichen Lebensmittel zu holen; er habe ganz vergessen, es mir zu sagen, als er für den Notfall hier seinen Schlüssel deponierte.
„Paßte“ alles prima auf meine derzeitige Ernährung: Bioquark, körniger Hirtenkäse, zwei Liter Biomilch, ein Liter Hafer/Mandelmilch, paar Eier. — Dann, wieder in der Arbeitswohnung, unter die Dusche, lauwarm nur und Seife allein an den bei Trockenheit nach dem Parklauf immer ziemlich schwarzen Füßen; ansonsten genügt reines Wasser vollauf.
Eine Kleinigkeit noch gefrühstückt, vor allem frische Erdbeeren – und Punkt neun am Schreibtisch. Bestens, Freundin, oder?

Meine Lektorin schrieb mir, mit meinem diaphanes-Text noch immer nicht wirklich glücklich zu sein; dafür allerdings sei mir die Neufassung der Chapelle-Erzählung grandios gelungen– ja, sie, die Skeptische, Vorsichtige, schrieb ausgerechnet dieses Wort, „grandios“. Nun hoffe ich, sie auch mit dem „Unkaltes Herz“ noch zu überzeugen. Ich las diese, von mir als letzte im zweiten Erzählband vorgesehene Geschichte gestern noch dreimal selbst, und ich bleibe zufrieden, sogar mehr als das. Allerdings bin ich mit dem zweiten als ebenso l e i c h t geplanten Text noch nicht weitergekommen, werde ihn jetzt liegen und vielleicht unbewußt in  mir wirken lassen, weil ich nun wirklich an die Auftragsarbeiten gehen muß. Womit ich gleich anfangen werde.

Was ich weiter geschafft habe: das Rauchen fast völlig einzustellen. Nur noch die Ecom’s jetzt, bzw. iCare’s,  allenfalls, s e h r gelegentlich, eine halbe Pfeife. Die Sucht ausschleichen lassen. Ich mußte schlichtweg aktiv werden, aus dem „gehen lassen, wie es will“ hinaus — zu mir also heraus. Wobei ich heute Elvira noch zum Thema „sich abzufinden lernen“ eigens schreiben möchte, bzw. dazu, ein Modell erfinden zu wollen, das es versüßt, auch wenn solcher Süße notwendig eine gewisse Bitterkeit eignet. Die Frage ist, wie ich sie mit meinem Vitalismus versöhne, den ich mir, um mich nicht abermals in grauer Stimmung zu versenken, nicht nur erhalten möchte, sondern sogar noch formen will.
Davon bereits ein Aspekt ist übrigens der Schlaf. Lege ich mich abends hin, so stellte ich es im Prater Konstantine dar, dann ist es, als öffnete ich eine Tür ins Wunscherfüllungsland. Ähnlich erzählte ich’s vorher, in Facetime, Phyllis Kiehl. Wobei ich, was ich tatsächlich nachts jeweils träume, gar nicht weiß. Aber ich wache morgens komplett erholt und stets glücklich auf. Wobei ich, ich schrieb es Ihnen, liebste Freundin, schon, deutlich m e h r Schlaf als früher brauche, sechs bis sieben Stunden sind es momentan, Tendenz steigend. Aber früher ging es auch noch nicht um, sagen wir, Resignation; früher war immer noch Hoffnung. Mit der ist es nun, realistisch gesehen, vorbei; ich bin ja kein Idiot. In der öffentlichen Wahrnehmung meiner Dichtung wird sich nichts mehr ändern oder nur sehr wenig, und noch einmal Vater werde ich a u c h kaum mehr werden. Beides sind tiefe Versagungen. — Also der Bitterkeit einen Klang geben, einen, der uns (was mich und meine Leser:innen bedeutet) zum Lächeln bringt und vielleicht auch s o zum Träumen, wie es offenbar mir während meiner Nächte geschieht. Erzählungen, Gedichte, Romane, die so etwas tragen, werden anders sein müssen als alles, was ich zuvor schrieb, sowohl in ihrer Struktur als auch im Rhythmus der Wörter sowie ihrer Modulationen.

ANH,
den die Sonnenhitze enorm beglückt; sie beruhigt ihn und gibt ihm tatsächlich Gewißheit.
Möglicherweise ist seine von anderen gefühlte und deshalb derart von ihnen abgewehrte Fremdheit
meteorologisch, also klimatisch begründet. Kurz: Er gehört einfach nicht in die „Mittleren Brei-
ten“; das „gemäßigte Klima“, konkret wie metaphorisch, ist ihm Gift, doch Labsal seinen Gegnern.

[Arbeitswohnung, 10.13 Uhr
Vaughan Williams, The poisoned Kiss]

P:S.:
Eine übrigens >>>> wunderschöne Tagebucherzählung hat heute Bruno Lampe eingestellt.

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2 Responses to Resignation als poetisches Glück. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 25. Juni 2019.

  1. Avatar Hanne sagt:

    In die Politik sollten Sie gehen. Statt zu resignieren.
    https://simone-barrientos.de/ueber-mich/bezuege-spenden/

  2. @Hanne: Das nun sicher n i c h t – schon gar nicht mit Blick auf eine, ich sag mal, „Person“, über die ich auch trotz Ihres Links besser schweige. Ich müßte schlechter sprechen sonst.

    Für den Glauben, politisch etwas ändern zu können, bin ich zu alt und sind meine, nun jà, „Meinungen“ viel zu wenig Pop, haben deshalb keine Chance auf Lobbies, ohne die es in der Politik indessen nicht geht. Meine Überzeugung ist vielmehr, daß erst Katastrophen, tatsächliche, zu Änderungen führen – indem sie sie gleichsam naturprozeßhaft erzwingen — sie, nicht wir.

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