Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 1. September 2019.

[Arbeitswohnung, 11.51 Uhr]
Nach der Gala, ich lag erst gegen halb fünf/fünf im Gastbett, und tags drauf dem nächsten Gespräch mit der alten Dame, deren Autobiografie ich schreibe, für die wiederum ich alles, was sie erzählt, als Tonfile aufnehme, um es dann in Text zu übertragen, – danach also, ich kam erst gegen ein Uhr nachts heute heim, gleich an die Fahnen >>>> der Wölfinnen gegangen. Denn in Wien wird zur Zeit gesetzt, das heißt, es werden sämtliche von Elvira M. Gross und mir abgesprochenen Korrekturen in die finalen Fahnen übertragen, die als Grundlage für den Buchdruck dienen werden. Dabei ergeben sich stets Fragen, manchmal auch Probleme, die gelöst werden müssen. Da Elvira zur Zeit auf dem Karwendelmarsch, sich heute allerdings „schon“ in der Erholungsphase befindet (nach zweiundfünfzig Kilometern über zweitausendachthundert Höhenmeter!), möcht ich sie auf keinen Fall behelligen und suche nach Lösungen allein. Was meist nicht schwierig ist.
Nur hätte der Verleger gerne, daß wir wie schon in Band I eine Mottoseite einziehen. Daran hatten weder Elvira noch ich gedacht. Selbstverständlich hat er aber, schon ästhetisch gedacht, sehr recht. – Also beschäftigte ich mich damit gleich nach dem Aufstehen und habe auch eine sehr schöne, glaube ich, Reihenfolge gefunden – wobei mir einfiel, die Motti so zueinander zu stellen, daß sie in sich einen Dialog ergeben, der wiederum auf die meine Erzählungen grundierende Poetik verweist. Wen ich auf dieser Seite 5 miteinander sprechen lasse, verrate ich Ihnen, Freundin, noch nicht. Lassen Sie sich überraschen.

Nunmehr geht es zurück an die Steuererklärung, die zwar „an sich“ fertig ist, nun aber irgendwie in Elster hineinmuß. Das Handbuch habe ich mir gestern während der Rückfahrt heruntergeladen. Ich nehme an, die Übertragungen werden sehr viel Tipperei bedeuten; vielleicht werde ich aber heute schon fertig, spätestens morgen. Danach gleich an die Übertragung der neuen Tonprotokolle sowie an der Contessa Familienbuch, damit dieses Ding endlich fertig wird. Ich habe ihr den September versprochen, bin mir aber unsicher, ob’s zu schaffen ist. Zumal ich gerne das nächste Béartgedicht angehen würde, dessen Thema ich freilich schon weiß: noch einmal ein „anatomisches“.

Parallel laufen fast ständig Diskussionen, teils Auseinandersetzungen wegen #metoo und „Gender“, in denen ich meinen zunehmendem Widerwillen vertrete. Es ist psychologisch nachvollziehbar, daß Opfer endlich auch mal Täter sein wollen – doch Täter s i n d sie dann halt auch, Täterinnen und Täter. Unrecht geht nicht aus der Welt, wenn es von anderen als denen fortgesetzt wird, die vordem an ihm litten. Es bleibt schlichtweg Unrecht, dessen Grundkalkül Macht ist, Eroberung von Machtpositionen: ein Verdrängungskampf, anstelle daß mit ethischem Recht verteilt wird. Wir erleben zur Zeit einen hochideologischen, nahezu sämtliche Zwischentöne und reale, auch biologische Ambivalenzen niedertrampelnden Bildersturm, der letzten Endes das Gegenteil jeglicher Aufklärung ist. Anfangs so gut gemeint wie gerecht, wird er, sowie gegnerische Positionen („Festungen“) eingenommen worden sind, im Interesse des eigenen Machterhalts diktatorisch unterdrückend. Die Revolutionäre, Revolutionärinnen, werden scharf und gewaltsam reaktionär. Plötzlich gilt schon, wenn ein, sagen wir, Bauarbeiter einem Mädchen nachpfeift, als Mißbrauch – was den juristischen Begriff komplett unterhöhlt und den Straftatbestand gleich mit. Eine ganz normale, vielleicht nicht geschmackvolle, doch an sich harmlose Reaktion der Gefallenskundgebung wird zum Delikt. Für die Natur des Menschen ist das katastrophal; der Mensch wird in die Angst vor dem gesperrt, was in ihm rein physisch geschieht. Er muß es verleugnen -was schließlich zu dem führt, was Freud „Wiederkehr des Verdrängten“ nannte, und dann zur „wahren“, einer tatsächlichen Katastrophe. Ganz nebenbei werden ohnedies wirkende Tendenzen der Scheinheiligkeit radikal befördert. Was offen nicht mehr ausgesprochen werden darf, tanzt bissige Freudentänze auf vorgehaltenen Händen. Dabei schädigen Redeverbote direkt die Demokratie.

Noch ist es angenehm heiß; in der Arbeitswohnung s t e h t die Wärme. Ich sitze, Freundin, allein in der Unterhose am Schreibtisch und genieße diese Tropen. Ab morgen soll’s sich ändern, doch licht bleiben, immerhin l i c h t!
ANH

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