Selbstvergewisserungen. Im Umbaujournal des Freitags, den 29. November 2019.

[Arbeitswohnung, 6.56 Uhr
Pettersson, Drittes Streicherkonzert]

Diese >>>> meine Kommentatorin hat ja nicht Unrecht; in jedem Fall mußte zumindest symbolisch gehandelt werden. Und | muß es w e i t e r.
Auf den Regalen an den Wänden meines Arbeitsraumes, sie hieß noch (so Broßmann, und auch die Elve empfand es damals so) „Zauberkammer“ irgendwann, war so wenig Platz mehr, daß die ständig hinzukommenden Bücher sich nicht nur auf dem Mittel- und vor allem dem schmalen Projekttisch stapeln, der mir sonst immer Übersicht gewährte, sondern auch schon wieder auf dem Boden. Es ist dringend nötig, den wenigen an den Wänden verbleibenden auch noch auszunutzen.
Hinzu kam, daß ich mir seit langem – dies eben als die im Titel genannte „Selbstvergewisserung – gewünscht habe, meine Bücher (siebenundneunzig [!] Zentimer unterdessen, schrieb ich es Ihnen schon?)) einen gesonderten Raum einnehmen zu lassen, so daß ich sie direkt anschauen kann und eben material weiß, was ich in meinem Leben getan habe und hinterlasse werde; ich brauche es vor Augen. Bislang waren sie bei der anderen Belletristik schlicht unter „H“ und –ganz wie diese streng – auch im weiteren nach Alphabet  eingeordnet (was zu poetologisch seltsamen Nachbarn, etwa Thomas Hettche, führte, allerdings auch Herhaus und Herling und fast schon gleich, nach dem bis über seinen Tod hinaus verkannten Wolfgang Held (wir führten eine Zeit lang einen sehr schönen Briefwechsel; einzweimal trafen wir auch persönlich aufeinander), der hier vielleicht seltsam anmutende André Heller, der indessen als Erzähler ausgesprochen gut ist).

Auf der Straße fand ich – wohl von einem Umzug übriggeblieben – gegen die Wand gelehnte Bretter und dache spontan, sie könnten passen, und zwar so, daß ich mir nicht noch über neue Wandelemente Gedanken machen, geschweige würde bohren müssen; es wären alleine die Hebelgesetze zu beachten und selbstverständlich, leider, ein paar Bilder fortzunehmen, hingegen die nur festgepinnten auch bleiben könnten; sie wären dann (und sind es nun) halt nicht mehr oder nur noch ungefähr zu sehen. Doch Vorrang hat der gewonnener Platz.
Ich machte mich, was >>>> meine Lektüre freilich unterbrach, ans Werk. Deshalb müssen Sie heute, o Geliebte, aufs Nakokov lesen verzichten, auf also die geplante Nr. 8. Ich tat es, also machte mich ans Werk, gleich nachdem Norbert Schlinkert wieder fort war, der auf einen Caffè vorbeigekommen war und um sich vor allem die ihm versprochenen beiden Erzählbände herauszuholen, die er sich seit nun schon einiger Zeit mit der sorgsamen Betreuung „meiner“ Wikipedia-Site intensiv verdient hat. Er erzählte gut von seinen eigenen, den zwei neu kommenden Büchern, das eine im kommenden Frühjahr bei etk-books, wo schon >>>> Kein Mensch scheint ertrunken (zu sein) erschienen ist und auch Helmut Schulzes und meine Giacomo-Joyce-Nachdichtungen herausgekommen sind.

Also ich räumte die Regale der Stirnseite erst einmal ab, vor allem die rund achthundert CDs, vor allem aber all die vor ihnen aufgestellten, teils vor sie gelegten Erinnerungsstücke  (kleine Steine von Vulkanen, aus Afrika, vom Meeresgrund; eine Schraube aus der Brooklyn Bridge, verschiedene Hotelschlüssel, ein in erotischer Rage abgerissener Ohrreif sowie ein weiterer, den eine Geliebte schlichtweg hier vergaß und niemals wieder abholte usw.) und Fotos von Lesungen und Frauen, die ich lieb(t)e. Dann, vom Regal darüber, die längst so lungenbeengt gequetschten Bücher des Lyrikregals, daß nicht mal mehr ein weiteres schmales Buch mehr Platz gehabt hätte. Ich konnte nur noch stopfen. Da auch hier alphabetisch geordnet war, und wieder ist, brauchte sie Zeit, diese Aktion, und Sorgfalt sowieso, um alles nach Ordnung auf dem Fußboden zu arrangieren, der mir doch auch kaum mehr Raum läßt.
Nun die neuen alten Bretter auflegen und irgendwie für eine Gegenstütze Sorge tragen. Und, mit den CDs beginnend, alles wieder drauf. Es waren, sind fast drei Meter Stellfläche gewonnen — als mir die Idee kam. Nun stehen meine Bücher, in meinem Blick direkt, dort, wohin sie auch gehören: unter dem langen Lyrikregal mitten in meiner Musik:

Besonders schön ist, daß nun neben ihnen auch die CDs meiner Hörstücke Platz gefunden haben; vorher waren sie von meinen Büchern ganz getrennt, sogar in einem völlig anderen Regal aufgestapelt. Endlich ist das Werk jetzt beisammen.
Gutes Gefühl. Auch Sicherheit, jedenfalls eine der psychischen Art.
Vom Schreibtisch aus sieht die Wand nun s o aus, also aus größerer Entfernung:

Blieb die Belletristikwand. An sie werde ich mich heute machen. Auch das wird noch ziemlich viel Aufwand bedeuten, weil ja auch her erstmal die alphabetisch geordneten Bücher heruntergenommen werden müssen, bevor ich die anderen Bretter auflege und irgendwie verankere. Auch da allerdings werden sich, der besseren Wandnutzung wegen, etwa zwei Meter, vielleicht sogar drei, weiterer Standplatz ergeben. Dann freilich wird nun nun wirklich a l l e s zugeklatscht sein. Doch werden die auf den Tischen gestapelten Bücher endlich einen Ort gefunden haben, der mir wieder Luft gibt, und vor allem der schmale, direkt an meinen Schreibtisch schließende Projekttisch wieder übersichtlich werden, je die Ordner und Hefter der Vornahmen darauf: die Friedrichlektüren, die Manuskripte der Bèart, der Triestbriefe, der anderen neuen Gedichte, des alten, zu überarbeitenden Destrudo-Romans usw. Ebenfalls d a s brauche ich klar vor Augen, auch das Selbstvergewisserung. Um meine Arbeit mit Entschiedenheit fortzusetzen. Was meiner finanziellen Situation freilich wenig hülfe.
Schlinkert erzählte von dem Job, mit dem er seinen Lebensunterhalt bestreitet. Möglicherweise wird mir, mit 65, nichts anderes übrig bleiben, als auch mir so etwas zu suchen. S c h o n erbärmlich. Wenn andere ins Rentenalter gehen und haben doch ein Werk, wie ich es habe, nicht. Der diaphanes-Verleger sprach am vergangenen Sonntag von der UNSICHTBARKEIT. Mit der werden Künstler und Verlage gestraft, die sich nicht dem Mainstream beugen und der „etablierten“ Kritik den Kniefall verweigern. Eigner war solch ein Unsichtbarer, jahrzehntelang auch Böhmer, und Ecker ist es noch, wie ich. Bei jenem drehte es sich erst im sehr hohen Alter, und schon starb er. Finanziell, abgesehen freilich von den beiden wichtigen Preisen, brachte es ihm allerdings auch nur wenig.

Eine Möglichkeit, für mich, wäre noch, das Ghostwriting der Autobiografien auszubauen, das mir ja durchaus Freude bringt, weil Geschichten wie die „meiner“ alten Dame oft interessant sind. Nur, wie außer über Empfehlungen komme ich an weitere Kundschaft?

Wie auch immer, bevor ich mit der Umgestalterei anfing, habe ich noch den Linn zum Austausch, an dem ich selbst nachts scheiterte, des Tonabnehmersystems zum Fachmann gebracht, der ihn sogar vorziehen will. So werde ich nicht lange darauf waren müssen, auch die Schallplatten wieder zu hören — wichtig für die nächste Woche, weil da mein Sohn, in dessen erste eigene Wohnung er mich gestern abend zum Essen einlud, dannmehr für einen Musikabend hierher kommen wird. Er spielte mir bei ihm einige seiner Kompositionen vor, die er im weiten Sinn dem Hiphop zuschlug, derweil i c h mich ausgesprochen an gekühlte Klangauren eines Jazz erinnerte, wie ihn in den Achtzigern vor allem ECM vertrat: etwa zu denken an Ralph Towner und Norma Winstone. Das sollte er ebenso kennen wie die elektronischen Arbeiten Luciano Berios, – dessen vor allem in Bezug auf die Komposition von Wörtern, etwa >>>> diese – aber gerade auch Pierre Henris sowie anderer aus der ihrerzeitigen Neuen Musik.
Das jedenfalls wird ein feiner Abend werden! (Wir werden ihn wahrscheinlich bereits am Spätnachmittag beginnen; Sohn und Vater zusammen in künstlerischer Rezeption; dazwischen, gekocht nunmehr von mir, ein Essen.)

Morgen abend wieder nach Hamburg. Ein Fest im weiteren Umfeld der Contessa, die ihrerseits eigens aus Düsseldorf dorthin reisen wird und mir der ich eben über eine Stunde telefonierte (weshalb die Fertiggestellung dieses Journal so viel länger als geplant braucht):

Bis da sollte allerdings die hiesige Regalsituation geregelt sein.

So bauen wir, Geliebte, uns auf
(und wolle heute aber unbedingt auch noch Nabokovs frühe Venezianerin zu Ende lesen, die wir gestern begannen, bevor uns die Regalereien unterbrachen).

Ihr heute sanfter
ANH
[Pettersson, IX]

P.S.: Andreas Steffens schrieb mir auf meinen Unglückseintrag gestern ein paar schöne kleine Zeilen, die ich ihn auszugsweise unter meinem Text als Kommentar einzustellen bat. Denn ich wüßte eine so klasse Antwort darauf. Doch er hat’s bislang nicht getan. So bleibt uns nur zu wünschen übrig, daß ich sie nicht vergesse.

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3 Responses to Selbstvergewisserungen. Im Umbaujournal des Freitags, den 29. November 2019.

  1. Avatar Bruno Lampe sagt:

    also „aus größerer entfernung“, woraus sich eine größere distanz schließen ließe, nur daß eben entfernungen schwer vorstellbar sind in der arbeitswohnung, distanzen schon eher, wie etwa die ansicht eines amphitheaters oder meinetwegen römischen theaters, das in seiner aktualität an einer solchen nicht wirklich sich gebricht. ein problem, das mich selbst gerade plagt,

  2. Lieber Herr Lampe, Sie wissen doch, wie groß die Bücher sind, etwa die sehr erkennbaren der Andersweltserie. Wenn Sie nun erst sie messen, dann die auf größeren Bild und hernach die auf kleineren, läßt sich die eingenommene Entfernung (aber gerne auch der Abstand) mit Leichtigkeit errechnen.

  3. Pingback: Geschafft. Sonnabend, den 30. November 2019. Mit einer wehmütigen Erinnerung an Heinz Winbeck. | Die Dschungel. Anderswelt.

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