Mein Neapel: Parthenope in Zeiten der Corona- statt Arbeitsjournale, dem zweiten also heut. Am Sonntag, den 15. März 2020, somit sechs Tage vor kalendarischem Frühlingsbeginn. Dazu der Amselhahn mit Chlebnikov singt.

[Arbeitswohnung, 6.15 Uhr
Erster Latte Macchiato]

Erwacht aber schon, von selbst, um 5.30 Uhr, wobei „von selbst“ den ausgesprochen stimmstarken Amselhahn meint, der mir in den letzten paar Tagen bereits mehrfach aufgefallen ist, ohne aber, daß ich ihn sah. Es muß indes ein kräftiges Kerlchen sein, und voller Wille zum Geschlecht. Jedesmal beglückt er mich. Mehr aber noch hat mich das da beglückt:

— nämlich „mein“ Neapel:

 

→ Quelle:

Nennen Sie mich, Freundin, gerne sentimental, aber als ich das Video gestern abend sah (und bei Facebook bereits teilte, wenn auch nur als Link), traten mit die Tränen in die Augen. Übrigens bin ich mir nicht ganz sicher, ob, es herunterzuladen und hier jetzt einzustellen, urheberrechtlich in Ordnung ist; aber in diesem Fall übertrete ich die Vorschrift ohne Zögern, Herr Neumann, siehe Quelle, sehe es mir nach. Denn diese Lebensart, eine Not in Glück zu transformieren, ist das, was ich an Menschen liebe.
Zumal ich zugeben muß, schleichend ebenfalls in Bedenken zu geraten, die meinem Temperament eigentlich völlig unbekannt sind. Jedenfalls waren sie’s bisher. Zum Beispiel bekam ich, nachdem ich stundenlang über Covid-19 recherchierte, eine ziemlich laufende Nase, dann einen Druck auf dem Thorax, schon begann leichtes Gehüstel. An sich ist die Dynamik klar, ich habe eine ziemlich nachdrückliche Psyche. — Anrufen, mich checken lassen? Ja aber, rief Mephistofelchen aus — ein pieksendes Geisterl, das, seit ich denken kann, in mir Quartier nahm — wenn jede jetzt und jeder, die den Hauch eines Schnüpferchens spüren, sich bei den Notrufstellen melden, ja du meine Güte, dann müssen die doch überfordert sein! Selbst Leute in akuter Gefährdung (ein befreundeter Journalist, der direkt „in Kontakt“ kam, versucht es seit zwei Tagen vergeblich) hängen über Stunden in den Warteschleifen, die auch nur eine solche sein kann. (Angeblich sind es sechs in Berlin.) Ui, und dann bekam ich auch noch leichte Gelenkschmerzen, die bei „Grippe“ ebenfalls normal sind. Und hatte ich nicht arg gefröstelt, als ich vorhin unter die Dusche stieg? (— ein Verb, das hier, für die Arbeitswohnung, stimmt: erhöhtes Duschbecken.) Andererseits, na klar, ich habe diesen gesamten Winter über nicht geheizt, einfach, weil dieses Winter in Anführungszeichen gehört; die fünf Minuten nackicht-ins-Badezimmerl-huschen rechtfertigen den CO2-Ausstoß nicht. Aber Gänsehaut hatte ich schon. Daß man dann niest, geschenkt.
Ich werd das Mephistofelchen tun und da anrufen!
Zwei Stunden später war das Husten weg, und auch die Nase lief nicht mehr. Daß sie es erneut versuchte, nachdem ich mit dem Rad gefahren war, ist doch wohl ebenfalls normal. Auch wenn sie’s ziemlich nachdrücklich tat. — Und daß ich abends neuerdings so schnell müde werde? Haben die nicht von „Abgeschlagenheit“ geschrieben?
Ich erinnerte mich an einen befreundeten Medizinstudenten im letzten Semester, Frankfurtmainer Zeit, lange, lange her: „Sei froh, daß du nicht weißt, was es alles an Krankheiten gibt! Du wärst dein Leblang nicht mehr ruhig.“
So auch die Gespräche mit Freunden, etwa gestern abend bei und mit Broßmann: „Eigentlich, weißt du, wenn’s mich erwischt, darf ausgerechnet ich mich nicht beklagen. Sechzig Jahre lang nie was Ernstliches gehabt, oder doch kaum, viel geliebt worden und viel geliebt, drei himmlisch-lebensvolle Kinder, dazu mein Werk — Nee, wenn’s mich hinfortnimmt, ist es eigentlich okay. Nur die Béarts hätte ich gerne noch fertig.“ Genau das hatte ich nachmittags einem befreundeten Autorenkollegen geschrieben, der mir einen Essay zur Durchsicht geschickt hatte.
Wobei es mit dem „Fertigwerden“, ich erzählte es Ihnen schon neulich, so eine Sache ist. Ich brauche den hymnischen Ton, an dem mich bereits die im Coronalicht nun allerdings besonders lächerlich wirkenden Genderideologien hindern wollen, nun indes, mit obendrauf Corona, find ich erst recht nicht hinein. Also habe ich mich entschlossen, für „den Fall aller Fälle“ die bislang einunddreißig, quasi lektoratsfähigen Gedichte schon einmal in eine eigene Datei zu kopieren und so auch auszudrucken, die keine Arbeitsanmerkungen mehr enthält, ein nahezu fertiges Typoskript ist. Na gut, hier und da muß an den Versmaßen noch gefeilt, da und hier noch ein Wort ausgetauscht werden usw., aber insgesamt wird es eine Vorlage werden, mit der meine Lektorin auch allein klarkommen würde. Die beiden noch fehlenden Gedichte (es ist ja auch eine Manie von mir, daß es unbedingt dreiunddreißig sein sollen) kann ich später einfügen, sie vielleicht lockerer schreiben, ohne den inneren Druck, der ein äußerer ist. (Bloch: „Lauschst du nach innen, hörst du das Draußen.“ Soviel, übrigens, auch zum „Privaten“ noch mal.)
Hübsch daran: Nachdem mein Entschluß so gediehen, hörte komplett mein Naselaufen auf, und auch Husten „tat“ ich nicht mehr. Ebenso war von Gelenkschmerz gar nichts noch zu spüren, und frisch um halb fünf wachte ich zum Amselschmettern auf, ohne einen Wecker. ’s ist ja nun auch schon früh hell, was zudem den Lebensgeistern guttut. Mein Mephistofelchen kichert.

Ganz allgemein auch der Gedanke, den am Telefon लक्ष्मी gestern sprach: „Es ist eine Lungenkrankheit. Die Lunge der Erde ist krank.“ Und ohne daß ich’s ihm erzählt hatte, fügte Broßmann quasi bei, wir saßen drüben bei Wasser und Wein: „Der Virus befällt die Lungenbläschen. Am härtesten traf es Wuhan, woher ja alles ausging. Diese Provinz leidet unter schwerster Luftverschmutzung. Für die NASA-Satelliten war dort jahrzehntelang alles von einer Wolke Smogs verdeckt. Und jetzt? Plötzlich, nachdem die Produktion runtergefahren werden mußte — alles klar!“ Hatte K.U. also tatsächlich recht, als er → dort kommentierte: „Eigentlich hat Trump ja recht: Das regelt der Globus ganz global selbst“ – ? Natürlich tut er’s nicht mit Absicht, er ist ja kein denkend individuelles Geschöpf, gewissermaßen (mit langgesprochenem „a“) Pangott. Oder vielleicht doch? Muß er aber auch gar nicht sein, es genügen seine determinanten Prozesse. — Schrieb ich nicht auch das schon?
Wie auch immer … Eine Art Gerechtigkeit … So wird möglicherweise die Überalterungsproblematik gleich mit weggesäbelt. — Zynisch? Ich weiß nicht. Aber ich weiß, was Neapel bedeutet. Schon → Dr. Lipom rief einst aus:

“ Die großen Gesten, junger Freund! Kennen Sie Chleb­nikov? Nein? Ah, ein Roman­tiker im strengen Sinn mag der nicht gewesen sein… durch­aus, da geb‘ ich Ihnen recht… aber doch… – doch!“ Und deklamierte prustend: „‚Wenn sie am Sterben sind, schnauben die Pferde./ Wenn sie am Sterben sind, welken die Gräser./ Wenn sie am Sterben sind, erlöschen die Sonnen./ WENN SIE AM STERBEN SIND, SINGEN DIE MEN­SCHEN!‘ “
Wolpertinger oder Das Blau, zit. n. dtv, S.95

Aber gewiß hat लक्ष्मी recht, wenn sie spöttisch zu dem Video bemerkte: „Na dann geh mal auf den Hof und singe. Was meinst du, wie schnell du abgeführt werden wirst …“ Und ich habe leider keinen Balkon. Aber, Geliebte, diese Vorstellung ist zutiefst berührend, wie all die Menschen in Hausarrest, Tausende, auf ihre Balkone treten und singen. Eine Klangwolke, statt des Smogs, über der ganzen Stadt, und sie steigt höher und höher, als bräche nicht, was furchtbar überfällig längst, der Vulkan aus und immer weiter aus, sondern es ist der Gesang, was aus dem Innren strömt — den Tiefen der bedrohten Lungen, allen. Wir hören ihn bis hier, 1600 Kilometer entfernt, dank des bösen Kulturvernichters, für den das Internet so lange gegolten und manchen Leuten heute noch gilt.

Ihr ANH
8.20 Uhr | Und welche Sonne draußen!

P.S.:
Wir sprachen, Broßmann und ich, auch noch über die Folgen, die sich aus der neuen Situation ergeben werden, etwa die Verlagerung der Arbeitsstätten, den heute home office, zur Zeit von ANDERSWELT noch „new work“ genannten Abschied von der „materiellen Sentimentalarchitektur“ (BUENOS AIRES.ANDERSWELT) und darüber, wie sich die Welt auf die körperliche Isolation längst technisch vorbereitet habe — eine Technik der letztlich, nunmehr, Seele.

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2 Responses to Mein Neapel: Parthenope in Zeiten der Corona- statt Arbeitsjournale, dem zweiten also heut. Am Sonntag, den 15. März 2020, somit sechs Tage vor kalendarischem Frühlingsbeginn. Dazu der Amselhahn mit Chlebnikov singt.

  1. Avatar Phyllis says:

    Wunderbarer Text. Danke dafür, ich hab‘ wirklich lachen müssen, als ich den Dichter niesen, imaginär, hörte.

  2. Avatar Werner Bliß says:

    Auch ich danke, lieber Herr Herbst, für all das, was ich lesen durfte und darf dieser Tage. Verbrachte, verbringe noch bis heute Abend, mit meiner Frau eine Woche in Lagos, Portugal zwischen Himmel, Wasser und Erde.

    Saudade, saudade…

    Herzlich
    Ihr
    Werner Bliß

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