Fotzen. Bamberger Elegien (106). Aus der zweiten Elegie in der Vierten Fassung (2).

(…)
Ein wie Verratenes rächt sich, als ob uns das furchtbar zurückholt.
Erlkönigs Hand blieb auf den Lappen des Großhirnes liegen.
Davon der Schauer, vom Daumen des Elbischen, wenn er es reindrückt.
Wissenschaft, strenge, erfaßt es nicht – aber Gedichte? wo Opfer
immer noch lauschen wie Tiere, doch hinsehen nicht, sondern bangen.
Menschenart s c h a u t, Menschenstolz, und will wissen. In bösesten Träumen
und in dem Dämmern von Nachtwald jedoch, wenn etwas wartet
hinter der Tür und kein Wille bewußt ist, da sind wir dem Tier
wieder ganz gleich: der Instinkt läßt uns fliehen, anstatt uns zu stellen,
statt daß wir‘s stellen, was hinter der Tür ist. Die Wissenschaft ist,
tagsüber nachzusehn, ob das Was war… Kunst schaut bei Nacht,
darin Geschlechtslüsten gleich, die wie sie Emotionen zu erden
mit den Empfindungen weiß und verschmilzt. Bilder, die v o r dem
Ich sind, noch ungetrennt, zieht sie heraus, noch bevor es geformt war,
ihnen, den Ängsten, gepanzerte Schultern zu zeigen und daß
man sie hart anpackt. Jedoch, die Dämonen, sie wollen nicht weichen,
Schlafende sind sie und wie Palimpseste, zusammengenietet
uns in den Cortex gestanzt und in Männern gebannt von den Frauen,
nicht-sexuellen, wie Kinder sie wiegenden, pränatal dunklichte
Mütter, die Frau gar nicht sind, ja Person nicht, bloß schlickhafte Matrix,
nährende Fruchtwasser-Fassung, worin wir nur Teilchen gewesen,
Teilkörper e i n e s umleibenden Körpers, an den wir uns ungern,
weil er dem Geist fremd ist, erinnern, und beugt ihn organisch –
unbestattetes Rufen, so hallt das von Schädelwand hier nach
Schädelwand da als lebendig Begrabnes. Verzweifelt und wütend
kann es nicht sterben, verklingt nicht und giert in dem Mann, der es scheuend
sucht und hinstarrt, und wieder… erbärmliche, herrische Sucht,
fotzen*fixierte, durchdringen zu können, durchdrungen zu haben-
klaffende Spalte, die ansaugt und leckt von dem bebenden Schaft die
Männermilch bis zu der Neige
du Ohnegleiche meinen Schnee
zu schlagen und
zittert im Skrotum wie Schollen, gepflügte, die springen, minutenlang
nach –
(…)

(Zum Sprachgebrach siehe „Etymologie“ >>>> hier. Ich hatte erst
„Möse“ dastehen, aber es geht auch um den Klang, um das
schmatzend-Organische, das das Wort Möse, das insofern verniedlicht,
nicht vermittelt. In der Abfälligkeit des Wortes Fotze/Votze schwingt
die Verachtung des Organischen mit, Verachtung des Geistes gegenüber
dem Schleim. Wir wollen unsere Herkunft nicht wissen, aber sie dringt
aus unserer Wollust immer wieder heraus, was übrigens wohl ein Grund
dafür ist, >>>> daß die reale Darstellung sexueller Vorgänge nach wie vor als
pornografisch sanktioniert wird
, mit den Worten des verlinkten Kritikers
als etwas, das „der Leser“, mit dem sich Richard Kämmerlings
selbstverständlich selbst meint, „nie über Sex von Schriftstellern
zu wissen wünschte.“)



[Mahler, Zehnte Sinfonie, >>>> Barshai-Fassung. (Auch ich favorisiere entschieden >>>> Wyn Morris).]


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