Frühlingssorten. Im Federico von Lewin. Friedrich Anderwelt, ff.

 

An einem Frühlingstag kam er [Walther von der Vogelweide, ANH] zu uns. Es war ein Tag von der germanischen Frühlingssorte, an dem es ununterbrochen regnete. Die Straßen hatten sich von einer frostharten Fläche in grundlosen Morast verwandelt, es schien unwahrscheinlich, daß demnächst etwas blühen sollte, und man fror in einer so markerschütternden Weise, daß man sich fast zurücksehnte nach der klirrenden Kälte des Februar[s].
Lewin, → Federico, 307

Das (Nach)Krebsjournal des Sonnabends, den 5. September 2020. Mit einer — leider posthum — Verbeugung vor Waltraut Lewin.

 

[Arbeitswohnung, 9.35 Uhr.
69,7 kg.]
Man kommt nur, wie der arme Lortie,
in einem leeren Zimmer an.
Peter H. E. Gogolin, Isoldes Liebhaber

Ich halte das Gewicht, immerhin, wenngleich die Fettverdauung trotz Kreon weiterhin nicht oder nur kaum funktioniert; außerdem nahmen, seit ich dieses Zeug schlucke, direkt nach jedem Essen die Bauchschmerzen zu. Doch damit, ich schrieb es bereits mehrmals, kann ich umgehen, Schmerzen sind nur Schmerzen und vergehen. Schlimmer wäre in der Tat, nähme ich ab. So merke ich die mangelnde Fettverdauung nur daran, daß mir Energie fehlt, ich mich ziemlich oft über den Tag hinlegen muß, manchmal nur für zehn/fünfzehn Minuten, manchmal länger: dann schlummre ich ein. Und dennoch bin ich besonders abends wie ausgelaugt manchmal, was mich hat dazu übergehen lassen, mich mit Freunden tagsüber zu verabreden; da kann ich schwerelos hell sein. Hingegen sind mir Einladungen zum Abend eher schwierig.
Aber ich schlafe wieder über Nacht, liege nicht mehr lange wach, wache auch nicht mehr zwischendurch auf. Denn ich kann wieder auf der Seite liegen, halbbäuchlings, wie ich immer schlief. Auf dem Rücken bekomm ich nur schwer ein Auge zu. Jetzt erlaubt die Wunde meine gewohnte Schlafstellung wieder. Obwohl sie zu schmerzen begonnen hat, anders zu schmerzen als in den drei Wochen davor: von innen, quasi. Oben ist sie nun auch geschlossen, abgesehen von einem ganz kleinen Auslaufzipfel, der noch Schorf trägt. Und auch die vernähte Drainage-Öffnung näßt nun nicht mehr und verheilt. Die Schutzpflaster drüber störten nur noch, juckten fies; ich riß sie heute nacht ab.

Sechs bis sieben Stunden Schlafes täglich nachts. Dann der Latte macchiato, aus Vorsicht mit lactosefreier Milch, dann an den Schreibtisch und jeweils zwei → Erzählungen aus Gogolins neuem Band gelesen. Heute wieder sehr begeistert. Wie der Erzähler aus dem Zug aussteigen möchte, weil er unter der Brücke auf einer Bank ein Kind einsam sieht; Der Zug auf der Brücke, so heißt die Geschichte, eben weil sie vom Zug gar nicht handelt. Und er steigt nicht aus, weil das nicht ginge: Er müßte denn hinab gegen die Zeit laufen, nach hinten, hinten, auf ihrem Strahl. Da schnürte sich mein Herz.
Und die völlig unerwartete “Moral” in Quick and dirty. Ein militärisches Arschloch, wenn auch seine Erscheinung, Wieder- und Widererscheinung rettet einen Mann, den er, dieser Wiedergänger, früher verhöhnt hat, ein Oberleutnant von geistigem allenfalls Feldwebelrang, um vom Moralischen besser zu schweigen. Es sei, erklärt der Gerettete dem neugierigen Frager, indes “vermutlich die Scham” gewesen, die aber für ihn den Namen dieses Arschlochs trug.
Ganz, ganz toll.

Und dann aber! Das ist nun eine Entdeckung:

→ Bestellen

Eine mir völlig unbekannte Autorin — ich muß sie nun Dichterin nennen — hat einen → Friedrichroman geschrieben, auf den ich nicht aus Zufall stieß, antiquarisch, nein, ich habe ja noch solchen Büchern, eben auch welchen neben den reinen Geschichtswerken recherchiert … und da kam mir denn dieser → FEDERICO unter, ein Roman, der mit komplettem Recht neben Horst Sterns hinreißendem → MANN AUS APULIEN stehen kann, der mich bekanntlich schwanken ließ, ob ich mein eigenes Friedrichprojekt überhaupt noch schreiben dürfe. Aus Achtung, Hochachtung, auch aus Demut. Bei Lewin geht es mir nun ganz genauso. Indessen mich die Geschichtsbücher, namentlich → Kantorowiczens, eher abschreckten, den Staufer noch zur Projektionsfolie meines eigentlich Europaromanes zu machen, weil sich meine Idealisierung nicht mehr halten ließ, also meine überhöhende Begeisterung, und zwar gerade, weil Kantorowicz so überhöht, aber rechtfertigend, was ich rechtfertigen niemals würde … weil er → Macht anhimmelt, etwas, das mir widerwärtig ist, ohne die aber, was ich einsehen muß, niemals ein Weltreich, auch keines des Geistes, entstanden wäre — ganz ge”treu” → der grauenvollen Benjaminthese, es sei niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Insofern Friedrich von den Arabern, er freilich in Anlehnung an Innozenz III, die Kennzeichnung der Juden durch → den gelben Stern übernimmt (unterm sizilischen Kalifat waren es eine Zeit lang gelbe, für Christen übrigens blaue Gürtel), spielt er sogar Hitler zu, auch wenn er andererseits Juden wieder schützte, doch auch dieses aus Machtkalkül und intellektuellem Wissensinteresse.
Staunenswert, stupor mundi, bleibt Federico dennoch. Und Lewin vollbringt einen interpretatorischen Kunstakt, indem sie gerade das kleine Kind ohne Liebe aufwachsen läßt, das die für ihre Niederkunft schon ungewöhnlich alte Konstanze von einem Mann empfangen, den sie verabscheut. Wie überhaupt dieser ungewöhnliche Roman, der mit einer inversgedrehten Paradiesgeschichte beginnt, von einer Chronistin erzählt wird, die seit Jahrhunderten lebt, einer wenn eben auch noch sehr viel älteren Mitgängerin des woolfschen → ORLANDOs sozusagen, aus Frauenperspektive mithin und einem Blick auf GOtt, der eben nicht der zürnende des Alten Testaments ist, eben nicht der Diktator-selbst, der sogar die Opferung der eigenen Kinder verlangt (um dann “großzügig” davon abzusehen: brutalste Dynamik des Abhängigmachens). Statt dessen ziehen Eva und Adam aus,

um sich zu vermehren, den Acker zu bebauen, zu leben und zu sterben und immer aufs neue von den Früchten jenes Baumes zu essen, deren Samen der Herr des Gartens ihnen mitgegeben hatte.
Lewin, Federico, 9

Ein GOtt, der sich des Erkenntnisvermögens seiner Schöpfungen erfreut, anstelle sie kleinzuhalten. Welch ein Romananfang!

Was mich dann frappierte, war, daß लक्ष्मी diese Dichterin kennt, bzw. kannte. Frau Lewin ist vor vier Jahren gestorben. Hier in Berlin. Ich hätt sie also kennenlernen können. Auch das nun ging an mir vorbei. Sie war Jurorin fürs Bundestreffen junger Autoren, an denen einige Jahre lang auch लक्ष्मी teilgenommen hat, als Lyrikerin, damals noch mit Marcus Braun zusammen, über dessen Bücher wiederum ich später einiges schrieb.

Es ist schon eigenartig. Ist merkens- und bemerkenswert. Magenlos im sich hebenden Alter. Wie ich da immer noch zu bewundern vermag. Und solche Entdeckungen liebe, denen in aller Regel die Warnung vorausgeht (soviel zum Zustand unsrer Dichtung),

dass (es) bestimmt nicht jedermanns Geschmack ist, denn als leichte Lektüre für Zwischendurch ist dieser Roman nicht geeignet.
Von → dort.

Etwas beckmessern muß ich hier allerdings auch: Ein weiteres (großes) Buch, dessen Konjunktive oft nicht stimmen – sie leben, als seien sie, statt als wären sie usw. –, dessen wunderbare Findungen mich allerdings darüber hinweglesen lassen:

als (wären) sie selbst Teil dieser Wälder, die an ihren tiefsten Stellen so dunkel sind, daß dort immer die Nachtigall schlägt, und an den lichtesten so zart. daß das Laub hauchfeine Schatten wirft.
Federico, 163

Oder Konstanzes (von Aragon, nicht der Normannin) berührende Erzählung ihres ersten Beisammenseins mit dem jungen wilden Mann:

und ich stieß einen Freudenruf auf, daß ich die erste gewesen war, die seine bartlosen Wangen über sich gesehen hatte. Und wir baten, daß er uns wieder besuchen möge, denn wir waren sicher, daß er einer jener Männer werden würde, von denen es heißt, daß sie, wenn sie eindringen, gemach handeln, wenn sie sich bewegen, beglückend sind, und wenn sie fertig sind, wiederkehren.
Federico, 114

“Läßt sich erotische Erwartung inniger erzählen?”

— so fragt, meine Freundin, in Ihren Vormittag

Ihr ANH

mitten hinein.

Niemals Macht haben wollen. Denn.

 

Wer die Macht liebt, liebt das Unrecht.

Die ist so sehr Prinzip, daß sich von einer Naturkonstante sprechen läßt: Wer – gleichgültig, aus welchen Gründen, selbst aus emanzipatorischen – nach Macht strebt, strebt zugleich danach, Unrecht zu begehen — und genießt es, da er’s tut. Auch, wenn sie es tut.

DLXXV

Keine Politik entgeht dem, wenn sie bestimmt.

Wer den IS (‏داعش) verstehen will,

muß sich nur die ersten eintausendsechshundert (!!) Jahre der christlichen Kirche ansehen. Sie hat quasi jedes Verbrechen inklusive Völkermord verübt, und zwar in nahezu jedem Jahrhundert aufs neue und bis heute ungesühnt.

 

DLXXIV

 

(Eine erschreckende wie ausgezeichnete Zusammenfassung hat der niemals nachlassende, so genaue Moralist → Karlheinz Deschner vorgelegt.)

“Warum ich?”

 

Dieser larmoyant-häufigen Frage vom Krebs Befallener läßt sich mit einer so unsentimenal-klaren wie einfachen Gegenfrage begegnen: “Warum nicht ich, wenn es doch meine Zellen sind?”

Will sagen, wir haben uns unseren Krebs verdient, im guten wie im schlechen
— nämlich selben Sinn, wie sich Reinhold Messner seine abgefrorenen Zehen “verdient” hat, so daß sich Tumoren auch als Folgen unserer Leidenschaften auffassen lassen. Deshalb sollten jene uns in keinem Fall dazu bringen, diese nunmehr zu bedauern. Nur dann schauen wir den Krebs nicht als eine Krankheit an und uns selber nicht als Opfer, die immer schon verloren haben und verloren dann auch bleiben werden.

 

DLXXIII

Skandal der moralischen Anthropologie

Sexualität ist der nachtschwarze Schatten des Baums der Erkenntnis, aus der sie die Unschuld verlor. Sie steigt aus dem Grund in den Geist. Da aber klopft sie sein Helles ab, das seine Wurzeln verleugnet, und höhnt es. Was immer er versteckt, sie, wenn zugelassen, deckt es auf und überführt die Kultur ihres anthropologischen Scheins, stellt unser Selbstbild bloß. Eben deshalb ist sie von Religionen verteufelt worden und auf den Scheiterhaufen wie Hexen gezerrt, die noch, wie panisch befürchtet, um den Hintergrund wußten, der Untergrund ist. (Und deshalb fordert der Islam, der Mann müsse die Frau befriedigen können. Vermag er es nicht, verliert er die Macht.)
Wie wir schnüffeln! Was wir dann lecken! Und saugen, ziehen, schlürfen es ein. Wonach’s uns — was, wo’s nicht verdrängt ward, wir meistens verstecken — gelüstet. Frauen wie Männer.
Welch Irrtum vor allem des Biedermeiers, den Frauen die Lust abzusprechen! Und welch peinlich erbärmliche Notwehr, sie ihnen durch Beschneidung zu nehmen! “Welche Frau schleimt nicht schon gerne mal bißchen herum?” wie eine Geliebte spottend sagte, und ihr leises, hochbewußtes Lachen durchleuchtete den Raum. Da läuft was, das nicht wir, das mehr ist als wir, durch unser Gehirn und macht es sich rollen. Da wird geschrien nach dem, was wir scheuen, wenn wir bei Tag autonom sind. Daß wir es nicht sind, ist der Skandal.
Dies soll verborgen bleiben, verborgen wieder werden.

DLXXI

Der freie Geist kennt kein Credo.

Aber spielerisch >>>> probiert >>>> er >>>> Credos >>>> a u s. Das ist das Kennzeichen seiner moralischen Ungebundenheit. Der freie Geist, immer, ist sozial unverläßlich.

(CCCCXXIX).

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