Dietmar Hillebrandt und die Sainte Chapelle. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. Februar 2022. Sowie mein falsches Vêpres-Datum à la sicilienne. Am frühen Abend geschrieben.

[Arbeitswohnjung, 18.33 Uhr
Philippe Hersant, In Nomine pour violoncelle principal et six violoncelles
Eiweiß-Bananen-Kiwi-Shake (täglich, um das Gewicht zu halten]

Mit → dem Tagwerk fast durch. Eigentlich säße ich jetzt in der Oper, wäre mir nicht eine irritierende, vielleicht auch ein bißchen, wenn ich ängstlich denn wäre,  beängstigende Fehlleistung unterlaufen. Nämlich sah ich vor vier Tagen, daß die Deutsche Oper → Verdis Vêpre sicilienne, ja, die französischsprachige Urfassung, herausbringt, und zwar, wie ich fehllas, bereits heute. Da ich mit seinem Don Carlos die Erfahrung gemacht habe, daß die auch da französische Erstfassung mich enorm fesselte, indes die italienische indes kaltläßt, wollte ich sofort hinein und fragte, unter Entschuldigung wegen der Kurzfristigkeit, um eine Presse- und, wenn möglich, auch Begleitkarte an. Beides bekam ich kommentarlos quasi sofort, ich wies die 15 Euro für die Begleitkarte an, und schon konnte ich meine Ticketts herunterladen. Das ist bei der Deutschen Oper praktisch.
Alles also prima.  Jetzt nur noch लक्ष्मी, von der ich wußte, sie habe Lust auf Oper, Bescheid gegeben, aber sie sei, schrieb sie, an dem Tag nicht in Berlin; daraufhin meinen Sohn gefragt, der ebenfalls mal wieder in die Oper wollte. Er nun mußte jobben. Nächster Anrufe: → Ricarda Junge, die solche Abende liebt. Sie war schon verabredet. Und so weiter. Gestern abend dann sagte → Gaga Nielsen zu. Was mich besonders freute. Wir sprechen zwar im Netz, haben uns aber zwischen drei und fünf Jahre nicht mehr physisch gesehen.
Dann lag ich im Bett. Und finde heute morgen eine SMS Freund → Broßmanns, den ich ebenfalls gefragt hatte, ohne daß er zusagen konnte:

Die Oper ist doch erst im März!

Da war ich baff. – Wirklich wahr? Nach dem Duschen auf den Karten nachgesehen. Tatsächlich, 20. März. Da stand es deutlich, und ich hatt’ nichts gemerkt. Beginnender Alzheimer? Zuviel Wein? Ein bißchen beunruhigen tut es mich nun s c h o n. Es sind ja einige, wenn auch stets nur kleine, Ausfälle, die → Liligeia als Souvenir mir hiergelassen hat. Und was für einen Aufwand, wegen der Begleitkarte, habe ich getrieben! Meine Güte, dachte ich, da denkst du so an andere, gibst auch noch Geld dafür aus, und dann bleibst du auf der Karte sitzen, die, was nur noch blöde ist, verfallen wird. Aber vielleicht steht jemand traurig vor der Oper …

Ich finde, sowas erzählen zu müssen. Ein kleines Journal ist es wohl wert. Doch gibt es nun noch einen zweiten Anlaß.
Bisweilen schaue ich bei amazon nach, ob sich etwas, und was, getan hat. Rezensionen zu meinen Arbeiten sind dort leider eher selten, und um, wie → Else Buschheuer gern tat, und andre halten’s sicher ähnlich, die Leserinnen und Leser meines Weblogs darum zu bitten, bzw., Buschheuer, aufzufordern, oder gar bei Facebook – dafür, Freundin, verzeihn Sie, bin ich zu stolz. Zudem hätt es einen Beigeschmack von Selbstbetrug. Nein, wer schreiben will, muß wollen, von sich aus überzeugt sein. Nur dann auch werden sie oder er überzeugen. Außerdem sind die wenigen Leserinnen- und Leserrezensionen ein Gradmesser, den ich nicht verunschärfen will. Ich mag nicht so tun und auch nicht so empfinden, als wäre, was nicht ist.
Und da nun stieß ich – aus Zufall, weil meine Zeit bei den Kulturmaschinen längst recht bös geendet und die einst dort verlegten Bücher allenfalls noch im Modernen Antiquariat erhältlich … — stieß ich auf eine Rezension, die mir wirklich den Atem nahm. Da sie aber eben nicht unter einem Buch steht, das derzeit lieferbar ist, hatte ich das unbedingte Verlangen, sie auch in Die Dschungel einzustellen. Denn die Novelle, um die es geht, ist ja dennoch erhältlich, nur unterdessen in von → Elvira M. Gross und mir revidierter Form in die → Septime-Ausgabe meiner gesammelten Erzählungen aufgenommen; sie findet sich gegen Ende des zweiten Bandes, “Wölfinnen” Für den, → bei amazon, gibt es nicht eine Rezension. Doch da, zum Beispiel, gehörte sie hin, egal, ob fast zehn Jahre alt.
Nur, wie jetzt vorgehen? – — Erstmal versuchen, ihren Autor, Dietmar Hillebrand, zu kontaktieren. Was ich versuchte, doch gibt es ihrer viele, und keiner lebte in seinem → bei amazon angegebenen Wohnort Hemmingen. Na klar, er kann er in dem Jahrzehnt längst umgezogen sein; nicht jeder hat ein Wunderkammerzentrum wie die Arbeitswohnung ich.

Gut, ich entschloß mich, das kleine Urheberrechtsvergehen zu wagen. Vielleicht wird er ja aufmerksam und meldet sich. Es würde mich freuen, selbst wenn er der Veröffentlichung hier widerspricht. Dann nähme ich sie selbstverständlich aus Der Dschungel wieder raus. Doch, Freundin, lesen Sie den Text! Nicht oft ist jemand, der dann publizierte, so sehr in das, worum ich mich bemühe, eingedrungen. Ich kann nur danke sagen.

D o r t finden Sie den Text und selbstverständlich weiterhin → bei amazon direkt. Eigenständig, hier, würden Sie kaum auf ihn stoßen, weil ich ihn, ich mag auch da genau sein, unter seinem originalen Datum eingestellt habe, dem 2. April 2012. Allerdings habe ich ihn im Kritikenkommentar unter die → Erscheinungsannonce des Septimebandes verlinkt.

https://dschungel-anderswelt.de/20180402/ein-silberturm-ist-die-welt-die-novelle-als-phantasmagorie-von-dietmar-hillebrandt/

***

[19.32 Uhr
Philippe Hernant, Aus tiefer Not für gemischten Chor, Viola da Gamba und Orgelpositiv]

Mit der Verwirrung gut vorangekommen, bin ich nun auf Buchseite 218 von 342. Seit einigen Seiten “läuft” der Roman sehr viel besser als zu Anfang, signifikant besser sogar; all die schrecklichen Substantivierungen sind vermieden, sogar der Rhythmus stimmt über weite Strecken – was bedeutet, daß die Überarbeitung nun schneller gehen wird. Ist auch nötig, ich bin jetzt schon terminlich in Druck. Insofern bin ich über die imgrunde ja nicht verpaßte Oper jetzt ganz froh. Ich seh sie als Signal, vor dem 20. März fertigzusein – auf daß endlich das Lektorat losgehen könne.

In den Abend:

Ihr ANH

Welch geradezu metaphysische Ergänzung der “Fenster von Sainte Chapelle”! Currentzis dirigiert zu ihren Wurzeln Byzantinik.

 

 

 

(2011)

>
Durch die Fenster drangen weder Stimmen noch selbst ein Hupen – von, dachte ich, jenseits der Insel. „Du mußt wieder lernen zu sehen.“
Es war die kleine Algerierin. Wie ist sie hier hineingekommen? Ist wohl aus einem der farbigen Fenster getreten? Ist sie zu mir heruntergeschwebt?
„Ich möchte dich heilen“, sagte sie, „selbst den Teufel kann ich heilen. Er muß es aber wollen.“
Ich sah auf meine linke Hand, die sich unterdessen über einer aus grünen Stoffen gewebten Lichtbahn ausgestreckt hatte. Die unversehens durch den Wolkenvorhang gebrochene Sonne hatte sie schräg herab durch eines der Fenster gleiten lassen. Sekundenlang blieb diese Lichtbahn stehen. Sie ruhte dort, und meine gestreckte Hand, so auf sie gelegt, konnte ebenfalls ruhen. Darüber breitete sich eine zweite Lichtbahn, die selber Hand war, und eine dritte noch, die rot war. „Maria“, dachte ich —
 

 

 

 

 

 

— in der Neufassung (2019):

 

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

KOGNITION UND WÜRDE. Oliver Jungen in der FAZ über Wanderer und Wölfinnen, Erzählungen I & II.

  1. Februar 2020, FAZ S. 10. Und mit meinem geliebten Max Ernst als “Aufmacher”-Bild — das vielleicht schönste Geschenk dieser Rezension:

 

 

Von heideggerhafter Seinsschwere ist hier nämlich nichts, kein Ding und keine Erinnerung. Obwohl die atmosphärischen und dystopischen Szenerien es oft vergessen lassen, befinden wir uns durchweg im Dschungel des Virtuellen. So nah waren sich Literatur und die Autopoeisis des Internets selten. Herbsts Poetologie läßt sich wohl am ehesten als bildgebendes Verfahren beschreiben, als Versuch, Innerlichkeit in faßliche Formen zu übersetzen, wobei er an den Realsubstraten, “dem sogenannten Plot”, darüber hinaus nicht weiter interessiert ist: “Alle Kunst ist Form; die ‘Botschaft’ untersteht ihr.” (…)
Auftragsbuch, idisches Visionserlebnis, erotischer Fiebertraum? (…) Viele der Erzählungen machen sich überhaupt für das Zwitterhafte stark, auch in moralischer Hinsicht. (…) Die Tiraden gegen die politische Korrektheit hätte ein Freigeist wie Alban Nikolai Herbst kaum nötig gehabt. Ansonsten aber sind seine kompromißlosen, sich immer wieder radikal selbst den Boden entziehenden Erzählungen, die nicht zuletzt Klangkompositionen darstellen (…), eine wertvolle, kämpferische Bereicherung der Gegenwartsliteratur (…), die sich (…) gegen jenen rührend naiven Neorealismus, der nur noch Fakten und “Fakes” zu kennen scheint, mit Phantasie zur Wehr zu setzen hat.
Oliver Jungen

 

 

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(Daß Jungen das “Kämpferische” herausstellt, empfinde ich als einen ganz besonderen, ja, Ritterschlag für diese meine Poetik.)

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